Text: Gehlen, Arnold (1969): Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik.
Camée Ptak, Hannah Schulz, Jannis Hutt
Biographisches
Arnold Karl Franz Gehlen
* 1904 in Leipzig
† 1976 in Hamburg
Philosoph, Anthropologe, Soziologe
„Reizüberflutung“
„Entinstitutionalisierung“
Zeitleiste vor 1945
1930 – 1934 Privatdozent für Philosophie in Leipzig
1. Mai 1933 Eintritt in die NSDAP; später Mitglied im NS-Dozentenbund
1934 Übernahme des Lehrstuhls für Philosophie
1938 Professur an der Universität Königsberg
1940 Professur an der Universität Wien
1942 Erstmals von der Wehrmacht einberufen; gegen Ende des Kiegs schwer verwundet
Zeitleiste nach 1945
1947 – 1961 Ordentlicher Professor für Psychologie und Soziologie an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer
Ende 1950er Bemühungen um die Soziologie-Professur an der Universität Heidelberg
1962 – 1969 Ordentlicher Professor für Soziologie an der RWTH Aachen
Dort Unterzeichner des »Marburger Manifests«
Humanitarismus
„Es gibt keine Möglichkeit, den Solidaritätskomplex, die Keimzelle des Humanitarismus, an anderer Stelle zu lokalisieren, als innerhalb der Familienorganisation.“
(Gehlen 1969, S. 85)
Humanitarismus
„Die Alleinherrschaft dieses Ethos sehen wir solange mit Besorgnis entgegen, als es keine Weltgesellschaft in einem Weltstaat gibt und es daher noch offenbleibt, welcher Kontinent einmal seine Eigeninteressen als die der Menschheit ausgeben wird.“
(Gehlen 1969, S. 81)
Moralhypertrophie
„Da die Menschheit nichts Größeres mehr außer sich sieht, muß sie sich selbst umarmen und ihr immer schon wahnhaftes Glücksverlangen von sich selber erwarten. Die dazu gehörende Moral kann alles hinwegschwemmen und auflösen, was dem Triumph über die entleerte Natur und über die mühsame, verblendete und prachtvolle Geschichte entgegenstehen würde.“
(Gehlen 1969, S. 141)
Moralhypertrophie
„Wer jeden Menschen schlechthin in seiner bloßen Menschlichkeit akzeptiert und ihm schon in dieser Daseinsqualität den höchsten Wertrang zuspricht, kann die Ausbreitung dieses Akzeptierens nicht mehr begrenzen, denn auf dieser Bahn gibt es keinen Halt.“
(Gehlen 1969, S. 143)
Institutionenlehre
Anthropologie
Mensch als ein Mängelwesen
mangelhafte Ausstattung der menschlichen organischen Natur
Mensch ist vergleichsweise formbar und angewiesen auf Institutionen
Institutionen entstanden aus instinkthaftem Verhalten im menschlichen Zusammenleben
Institutionen nach Gehlen
Einrichtungen, in denen die Menschen miteinander leben und arbeiten.
„Es ist nicht nötig, dass die Motive (reasons) der Institutionen uns deutlich sind, es genügt, dass sie ›instituted laws‹ sind, die uns eine gewisse Sicherheit geben.“
(Jonas 1966, S. 51)
Der Staat als Institution
primärer Existenzzweck: Sicherheit garantieren
in ständiger Bedrohung
Um trotz der vielen Sicherheitsrisiken dauerhaft bestehen zu können, braucht es Tugenden
Humanitär- & Machtethos
„Weil der Staat die Gesamtwohlfahrt eines Volkes nach außen und innen, zuletzt mit sich dessen Existenz zu sichern hat, steht er unter dem Zwang zum Erfolg, und so begründet sich der Vorrang zur Rationalität.“
Soziologen, Philosophen, Redakteure und Studierende
Opposition führe nun Ansturm auf unstabile Staatsautorität
Gegen-Aristokratie besitze gewisse Aggressivität und würde Massenmedien beherrschen
Hintergrund: die 68er Bewegung
das Werk Moral und Hypermoral erschien auf dem Höhepunkt der Studentenunruhen und der 68er Bewegung
Gehlens Antwort um eine konservative Gegenposition zu beziehen
besonders Studierende schlossen sich der Bewegung an und formten die „Neue Linke“
Habermas' Kritik an Gehlen
„Respektable Lebensweisheiten und theoretisch interessante Annahmen mischen sich mit dem politischen Stammtisch eines aus dem Tritt geratenen Rechtsintellektuellen (…).“
(Habermas 1970, S. 314)
Quellen
Beitin, Andreas; Gillen, Eckhart J. (Hg.) (2018): Flashes of the Future. Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen. Bundeszentrale für politische Bildung / bpb. Bonn.
Beller, Bernhard (2010): Anthropologie und Ethik bei Arnold Gehlen. Dissertation. Ludwig-Maximilians-Universität, München.
Forsthoff, Ernst (1968): Verfassung und Verfassungs Wirklichkeit der Bundesrepublik. In: MERKUR 22 (5), S. 401–414.
Gehlen, Arnold (1969): Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik. Frankfurt am Main, Bonn: Athenäum Verlag.
Gilcher-Holtey, Ingrid (2001): Die 68er Bewegung. Deutschland – Westeuropa – USA. München: C. H. Beck.
Habermas, Jürgen (1970): Nachgeahmte Substanzialität: Eine Auseinandersetzung mit Arnold Gehlens Ethik. In: MERKUR 24 (4), S. 313–327.
Habermas, Jürgen (1984): Philosophisch-politische Profile. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Jonas, Friedrich (1966): Die Institutionenlehre Arnold Gehlens. Tübingen: Mohr.
Rehberg, Karl-Siegbert (2018): „1968“ in der Provinz? Die Demokratisierung der RWTH Aachen und ein „Geistergespräch“ zwischen Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen. In: Andreas Beitin und Eckhart J. Gillen (Hg.): Flashes of the Future. Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen. Bonn.